„Ich brauch was fürs Museum. Unsere bisherige Schneiderin steht nicht zur Verfügung.“ (Falls Du meinen Blogartikel über das Nähen von historischer Kleidung gelesen hast: Dies ist die Fortsetzung der Geschichte zu Beginn des Beitrags.) Da ich weder eine gelernte Schneiderin noch Historikerin bin, war ich selbst skeptisch, ob ich den Auftrag zur Zufriedenheit aller ausführen könnte. Aber Herausforderungen reizen mich. Also startete das Abenteuer Schmelzerhemden.

Erwartungs-Check: Kann ich das überhaupt?

Vor einer Zusage wollte ich möglichst genau wissen, was von mir erwartet wird. Gebraucht werden vier Schmelzerhemden, von denen nur gezeichnete Abbildungen existieren. Wer die Hemden tragen wird, steht noch nicht fest, demnach gibt es auch keine festen Konfektionsgrößen, nicht einmal annähernde Größenangaben. Trotzdem müssen die Hemden gut sitzen, denn sie werden bei Filmaufnahmen getragen. Meine erste Reaktion: Habe ich noch nie gemacht. Kann ich nicht, will ich nicht!

Geht es nicht vielleicht doch irgendwie?

Aber die Familie im Stich lassen, geht natürlich auch nicht. Also noch einmal checken, wie könnte ich vorgehen? Wie haben die Menschen damals gearbeitet? Wie musste die Kleidung beschaffen sein? Welche Schnittdetails sind auf den Abbildungen zu erkennen?

Gemeinsam kamen wir zu dem Schluss, dass die Hemden als Schutz über die normale Kleidung gezogen wurde und vermutlich nach einem Einheitsschnitt gearbeitet war. So konnte praktisch Jeder jedes Hemd überziehen. Die Ärmel waren laut Abbildung leicht gerüscht, das war bequem und sorgte für ausreichend Beweglichkeit. Der Wasserfallkragen saß dicht genug am Hals, um einen gewissen Schutz zu geben, war aber weit genug zum leichten An- und Ausziehen des Hemdes. Das sollte doch machbar sein.

Erster Schritt: Probehemd anfertigen

Viel Packpapier und ein altes Bettlaken mussten für den ersten Probeschnitt herhalten. Bevor ich den Auftrag annehme, muss ich zumindest wissen, ob das Ganze machbar ist. Entsprechen meine Vorstellungen denen des Museums? Ist mein Entwurf überhaupt praktikabel? Na ja, der erste Entwurf war definitiv nicht optimal. Der Ausschnitt war zu weit, die Schulternähte falsch platziert … Aber eine Tendenz war erkennbar und mit einigen Nadeln relativ schnell alles richtig gesteckt. Fotos an den potenziellen Auftraggeber geschickt. Er war schnell einverstanden. Das erste Problem war gelöst. Sollte die bewährte Schneiderin den Auftrag doch noch übernehmen, könnte sie den nachgebesserten Schnitt verwenden. Falls sie denn erreichbar wäre. Andernfalls würde ich vermutlich den Auftrag bekommen. Da hatten allerdings noch einige „Würdenträger“ ein Wörtchen mitzureden.

Auftrag erteilt, jetzt aber fix!

Bevor ich viele Meter Stoff kaufe, für die ich momentan keine andere Verwendung habe, möchte ich natürlich einen festen Auftrag haben. Der ließ jedoch eine ganze Weile auf sich warten. Außerdem mag das Finanzamt „unnötige Ausgaben“ nicht sonderlich gern.
Als endlich von verantwortlicher Stelle das Okay kam, drängte dann die Zeit. Stoff besorgen, nähen, Postweg einberechnen – und dafür weniger als einen Monat Zeit! Wie soll das zu schaffen sein? Das kostete erst mal eine schlaflose Nacht.

Hilfe, wo kann ich hier Stoff für Schmelzerhemden kaufen?

Wir schreiben das Jahr 2022, Corona und Ukrainekrieg wirken sich auf viele Lebensbereiche aus, Lieferengpässe sind an der Tagesordnung. Eine Bestellung beim vertrauten Stoffdealer passte kaum in den Zeitplan. Bestellte Ware konnte mitunter wochenlang auf sich warten lassen. Ob ich in der Stadt passenden Stoff in ausreichender Menge bekomme, ist auch fraglich. Was tun? Bestellung aufgeben und hoffen, dass der Stoff rechtzeitig eintrifft oder darauf vertrauen, dass ich in der Stadt erfolgreich bin? Sicher ist sicher – also beides. Schmälert zwar den Gewinn, aber hellen Leinen- oder Baumwollstoff kann man ja vielseitig verwenden.

In der Stadt wurde ich tatsächlich fündig. Allerdings entsprach der Stoff nicht hundertprozentig unseren Erwartungen. Wir hatten uns für Leinen entschieden, dies war jedoch Baumwollstoff mit „fast Leinenlook“. Ich kaufte ihn trotzdem, damit ich für alle Fälle eine Notlösung hätte. Schließlich konnte ich nur noch wenige Tage mit der Arbeit warten. Der bestellte Leinenstoff kam aber noch rechtzeitig an. Jetzt war ich in der komfortablen Lage, die beste Variante auszuwählen.

Nähen der Schmelzerhemden im Eiltempo

Wie gut, dass der Schnitt schon erstellt und korrigiert war! Für das Nähen habe ich gleich einige Tage komplett reserviert. Akkordarbeit war nun angesagt. Bloß nicht nachdenken, ob der Schnitt nicht doch noch zu verbessern wäre. Konzentriert arbeiten: erst alles zuschneiden, dann nähen, bügeln und säumen. Und hoffentlich rechtzeitig fertig werden!

Bibbern trotz Express-Versand

Eine Woche vor dem Filmtermin waren die Schmelzerhemden fertig genäht und gebügelt. Damit nix mehr schiefgehen kann, hab ich Express-Versand gebucht. Und wieder hat Corona dazwischengegrätscht: Der Schalter war krankheitsbedingt geschlossen, Paketabgabe nicht möglich. Blieb nur die Paketbox 🙁 Also Paket rein und hoffen, dass alles gut geht. Abgeholt wurde die wertvolle Fracht schon bald, aber dann blieb sie unterwegs stecken und es tat sich drei Tage lang gar nichts. Unsere Nerven lagen blank. Sollte alles für die Katz gewesen sein? Nach einem nicht gerade erholsamen Wochenende zeigte die Paketverfolgung endlich das heiß ersehnte Wort „zugestellt“ an. Puh, geschafft, gerade noch rechtzeitig!

Schade, dass ich bei den Filmaufnahmen nicht dabei sein konnte. Aber die Hemden waren rechtzeitig da und haben gepasst, das ist das Wichtigste.

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